Wenn türkische Hochzeiten eskalieren

Düsseldorf, Duisburg, Bochum, Essen, Herten, Geislingen, Stuttgart – und nun auch Aschaffenburg: Meist türkische Hochzeitskorsos geraten offenbar im Überschwang immer häufiger außer Kontrolle. Große Hochzeitsgesellschaften in teuren Limousinen oder Sportwägen, oft mit türkischen Fahnen, blockieren Straßen und Autobahnen, fahren über rote Ampeln, liefern sich illegale Autorennen, ballern mit Schreckschusspistolen in die Luft und provozieren dabei Unfälle. Dabei brechen sie nicht nur Gesetze, sondern gefährden letztlich Menschenleben.

Nun macht erstmals ein Fall aus Bayern Schlagzeilen, genauer aus dem Landkreis Aschaffenburg: Eine Hochzeitsgesellschaft mit etwa 40 Autos war auf der A3 bei Aschaffenburg durch riskante Fahrmanöver und mehrere Schüsse aus einer Schreckschusspistole aufgefallen. Im Autobahntunnel Hösbach verlangsamten die Autos ihre Fahrt. Die Fahrer unternahmen riskante Bremsmanöver und fuhren nebeneinander. Zudem wurden zahlreiche Schüsse aus einer Schreckschusspistole abgefeuert. Nach aktuellem Ermittlungsstand wurde der Verkehr im Autobahntunnel sogar völlig blockiert.

Unbeteiligten Autofahrer in den Graben gedrängt

Bereits zuvor hatte ein unbeteiligter Autofahrer an einem Kreisverkehr in den Graben ausweichen müssen, um nicht mit einem entgegenkommenden Wagen aus dem Autokorso zusammenzustoßen. In Aschaffenburg fuhr der Hochzeitskonvoi dann an der City-Galerie vorbei. Dort wurde wieder in die Luft geschossen, außerdem wurden Passanten beleidigt. Die Mitglieder der Hochzeitsgesellschaft blockierten den Kreisverkehr Goldbacher Straße, das Brautfahrzeug drehte fünf bis sechs Runden im Kreisverkehr. Der Autokorso fuhr weiter über die Platanenallee auf allen Fahrspuren.

Die bayerische Polizei hatte die Lage stets im Griff. Sie hat ein Auge auf die Hochzeitskorsos und schreitet ein, wenn nötig.

Bayerisches Innenministerium


In der Würzburger Straße in Aschaffenburg stoppte allerdings die Polizei den Großteil der eskalierten Hochzeitskolonne inklusive des Brautpaares. In den Fahrzeugen der Hochzeitsgesellschaft stellten die Beamten unter anderem eine Schreckschusspistole samt Munition, nicht zugelassene Feuerwerkskörper sowie einen Schlagring – unerlässliches Utensil bei Hochzeiten – sicher. Gegen etwa 40 Beteiligte der Hochzeitsgesellschaft wird ermittelt – unter anderem wegen des Verdachts des schweren Landfriedenbruchs, Verstößen gegen das Waffengesetz, Gefährdung des Straßenverkehrs, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung. 14 Führerscheine wurden sichergestellt. Zuvor waren neun Wohnungen im Landkreis Aschaffenburg und im benachbarten Hessen durchsucht worden, die Polizei stellte dabei eine Schreckschusspistole samt Munition, mehrere Smartphones und weitere Datenträger als Beweismittel sicher.

Herten: Radfahrer stürzt und verletzt sich

Das Phänomen der gefährlichen türkischen Hochzeitskorsos grassiert seit einiger Zeit – vorzugsweise in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, einige Fälle gab es auch in anderen Bundesländern. Besonders heftig entwickelte sich ein Fall in Herten in NRW im April: Gäste einer türkischen Hochzeitsgesellschaft fuhren laut Polizeibericht mit zehn bis 15 Fahrzeugen eine Straße entlang, wobei die einzelnen Autofahrer sich unter ständigem Hupen immer wieder gegenseitig überholten.

Ein 18-jähriger Radfahrer war dadurch gezwungen, eine Vollbremsung hinzulegen, wobei er stürzte und sich verletzte. Der Unfallverursacher hielt jedoch nicht an, sondern flüchtete von der Unfallstelle. Auch kein anderes Fahrzeug hielt an. Wenig später wurde aus der Auto-Kolonne außerdem noch ein Schuss abgegeben. Die Polizei fahndete daraufhin „mit massiven Kräften“ nach der Gruppe, bis sie die Autofahrer schließlich stellten. Das führende Kolonnenfahrzeug, sowie der Unfallverursacher konnten ermittelt werden. Es wurde Anzeige erstattet.

Autobahnblockaden in Düsseldorf und Stuttgart

Ebenfalls im April hatte in Geislingen in Baden-Württemberg ein Teilnehmer eines eskalierten Hochzeitskorsos mit plötzlichem Bremsen einen Auffahrunfall mit zwei Leichtverletzten verursacht. Nach Auskunft der Polizei war der Korso mit etwa 30 Fahrzeugen unterwegs, als einer der Teilnehmer der türkischen Hochzeitsgesellschaft abbremste. Drei hinter dem Mann fahrende Teilnehmer schafften es noch auszuweichen und anzuhalten. Einem vierten Fahrer gelang dies nicht mehr: Der 21-Jährige fuhr mit seinem Fahrzeug auf das Auto einer 27-Jährigen auf. Ihr Fahrzeug wurde auf das Auto eines 63-jährigen Mannes geschoben.

Das Blockieren der Autobahn ist ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und kann unter Umständen auch zu einer Haftstrafe führen.

Polizei Ludwigsburg

Ende März hatte es die Polizei Ludwigsburg mit einem Fall zu tun, der ebenfalls Menschenleben gefährdete: Mitglieder einer Hochzeitsgesellschaft blockierten mit mindestens vier teuren Autos auf der Autobahn 81 bei Stuttgart den Verkehr und filmten den entstehenden Stau. Der Verkehr kam komplett zum Erliegen. Hochzeitsgäste lehnten sich demnach zum Filmen des Staus am Samstagnachmittag aus den Autofenstern. Ein Polizeisprecher sagte dazu: „Das Blockieren der Autobahn ist ein gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und kann unter Umständen auch zu einer Haftstrafe führen.“

Mehrere Autofahrer blockierten zudem Ende März mit teuren Sportwagen die Autobahn A3 bei Düsseldorf – vermutlich, um auf der Fahrbahn Hochzeitsfotos zu schießen. Einer Zivilstreife sind laut Polizei drei Autos aufgefallen, die mit Warnblinklicht auf allen Spuren hin und her pendelten, so den Verkehr hinter sich ausbremsten und schließlich stoppten. Ein weiterer Fahrer habe die Reifen qualmen lassen und sich angeschickt, mit seinem Auto über die gesperrte Fahrbahn zu driften. Ein Beifahrer, der sich der Polizei als Hochzeitsfotograf zu erkennen gab, habe die Situation im Bild festgehalten. Als die Hochzeitsgesellschaft die Polizei bemerkte, seien alle Teilnehmer umgehend wieder angefahren.

Brennpunkt Ruhrgebiet

Besonders schlimm eskalierten türkische Hochzeiten im Ruhrgebiet: Ende März stoppte die Polizei in Essen mehrere Autos einer türkischen Hochzeitsgesellschaft. Zwei Wagen einer Kolonne hatten stark beschleunigt, abgebremst und die Spuren gewechselt. Die beiden Fahrer im Alter von 25 und 26 Jahren mussten laut Polizei ihren Führerschein abgeben, verletzt wurde niemand. Der Bräutigam, der das Brautauto steuerte, konnte sich nicht ausweisen und wurde deshalb zur Wache gebracht.

Für die, die das machen, ist es Imponiergehabe mit Autos.

Michael Mertens, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)

Am Karsamstag mussten die Beamten allein in Duisburg gleich zu sechs Hochzeiten ausrücken, weil sich Bürger über Autokorsos, blockierte Straßen und das Abfeuern von Schreckschusswaffen beschwert hatten. Im Duisburger Stadtteil Hochfeld besetzten laut Polizei rund 100 Hochzeitsteilnehmer eine Kreuzung, schwenkten türkische Fahnen, zündeten bengalische Fackeln und feuerten Schüsse in die Luft, bis die Polizei eingriff. Die Polizei sprach Platzverweise aus und erstattete Anzeigen. Schreckschusswaffen wurden sichergestellt. In Bochum erschreckten Schüsse bei einer türkischen Hochzeit am Ostersonntag die Anwohner. Die Ermittlungen ergaben, dass ein 53-Jähriger die Schüsse abgefeuert hatte, um das Brautpaar zu feiern. In seinem Fahrzeug fanden die Beamten zwei Schreckschusswaffen, Munition und ein Messer.

Bereits im Frühjahr 2018 war eine türkische Hochzeitsgesellschaft unweit von Lübeck eskaliert: 26 Fahrzeuge leiteten die Beamten auf einen Parkplatz, durchsuchten sie und fanden sechs Schusswaffen. „Eigentlich ist gar nichts passiert. Das war eine ganz normale Hochzeit“, sagte einer der Beteiligten dem NDR. Was auch zeigt, dass das Schuldbewusstsein recht gering ist.

Eskalierte Hochzeitskonvois immer häufiger

Die Polizei in Deutschland hat augenscheinlich immer öfter mit derart ausufernden Feiern von türkischen Hochzeitsgesellschaften und strafbarem Verhalten der Gäste zu tun – eine eigene Statistik für eskalierende Hochzeitskorsos gibt es allerdings nicht. „Für die, die das machen, ist es Imponiergehabe mit Autos, die ihnen möglicherweise auch gar nicht gehören. Damit will man zeigen, was man hat und wer man ist“, erzählt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Michael Mertens.

Die betreffenden jungen Männer definierten sich über dicke Autos und schlügen über die Stränge. „Wir müssen dem richtig konsequent den Riegel vorschieben und deutlich machen, dass dieses Verhalten auch zum Entzug des Führerscheins führen kann“, betont Mertens. Ähnlich sieht das das bayerische Innenministerium. Der Fall in Aschaffenburg zeige ja gerade, dass die Polizei eskalierende Hochzeitskorsos genau im Auge habe und wenn nötig durchgreife, erklärte ein Ministeriumssprecher dem BAYERNKURIER – nötigenfalls auch mit Führerscheinentzügen und strafrechtlichen Konsequenzen. „Die bayerische Polizei hat die Lage stets im Griff. Sie hat ein Auge auf die Hochzeitskorsos und schreitet ein, wenn nötig“, so der Ministeriumssprecher.

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